Softmoderne: "Der junge Mensch schreibt expressionistisch" war die Kernthese Ihres Vortrages, den Sie im Juni anläßlich des Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerbs in Klagenfurt gehalten haben. Schreiben auch Internet-Dichter expressionistisch, wenn Sie mal die technischen Eigenheiten außer acht lassen und nur die sprachliche Ebene betrachten? Modem: tüt-didit-tüdit-tütüüüü....krzzz... Klick. Auf dem Monitor erscheint einer der beiden Gewinnerbeiträge des Internet-Literaturwettbewerbs 1997: "Folgt einfach der blutigen Spur!" von Susanne Berkenheger. Klick. "Zeit für die Bombe" Klick. "wartet auf mich", rief Veronika, ungebremst wie eine Rakete" Klick.. "..und stellt Euch vor: zwei Zöpfe flackerten Antriebsdüsen gleich am Hinterkopf..." Rutschky: Ja, das ist doch unglaublich expressionistisch: "Zöpfe flackern"! Flackernde Zöpfe. "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut"... das würde gut in das Buch Menschheitsdämmerung passen, diese Anthologie der expressionistische Redeweisen. Der Expressionismus hat ja eigentlich keine Prosa hervorgebracht, das ist eigentlich ein lyrisches Genre. Das heißt, die Expressionisten können mit ihrem Stil keine längeren Texte füllen. Es ist unmöglich, das länger als zwanzig Seiten lang durchzuhalten. Und wenn es ein Buch wird, dann will ICH es NICHT lesen. Softmoderne: Das heißt das Genre, nicht das Medium diktiert die kleine Form? Rutschky: Sie kriegen immer nur die kleine Form hin, denn es muß ja dauernd verbal knallen... Klick: "...Veronikas Nase kräuselte sich schon in einer recht verheißungsvollen Zukunft..." ...im Gepäck hatte sie eine Bombe..." Klick: "Sie war eben jung und verliebt!" Klick: "Veronika erreichte Moskau, die Verbrecherstadt. Wo nur noch die Taxis ticken, aber niemand weiß, wie spät es ist. Wo die Ungemütlichkeit brutal von den Dächern rutscht - vor allem im Winter. Stellt Euch nur vor: Der Wind hackt Eispickel in Eure Gesichter, der Freundin glitzern transparente Zapfen am Nasenloch und Achtung, Achtung, eine Schneelawine stürzt Euch von den Wimpern - seht Ihr schon wieder was? - ein Schneeball saust am rechten Ohr vorbei. Ihr hört und spürt es kalt im Mittelohr. Ihr findet ihn banal, so lange bie er explodiert - da staunt Ihr! Er explodiert direkt in Eurem Kopf, das Ohrläppchen zerfetzt und jetzt ist Euch wirklich kalt..." Rutschky: Und hier diese apokalyptischen Phantasien mit der Stadt, das ist alles sehr dick aufgetragen... Softmoderne: Danke, das genügt. Nun der andere Gewinnerbeitrag. Klick: Auf dem Bildschirm erscheint CORE von Peter Berlich. Rutschky: Gott, wer ist denn das? Pol Pot? Klick: " " Klick: " " Klick: "Loading. Free Association" Klick: "Spiel's noch einmal, Sam" Rutschky: Aha, das soll Rick's American Café aus Casablanca sein. Klick: " " Rutschky: Der Autor kennt Chandler, kann auf die Schwarze Serie und auf Casablanca anspielen, also auf die Medienwelt. Vor achtzig Jahren hätte man eben Don Carlos, Hamlet und Faust auftreten lassen. Das hat etwas leicht witzelndes: "Ich hab eigentlich gar nichts zu sagen, aber ich zeig Euch mal, welche Lesefrüchte ich kommandiere. Jetzt kommt das Lesefruchtkommando..." Das ist ja beim Malen das gleiche, man malt erst einmal, was man gesehen hat. Ich zum Beispiel hab als junger Mensch nicht nur gedichtet, sondern auch gezeichnet, und das war immer Paul Klee, der gefiel mir einfach am besten. Klick. " " Rutschky: Das ist die Schwarze Serie. Dies ultracoole. Wie sagt der Berliner: "Mir kann keener/ och nicht eener/ An die Wimpern klimpern..." Klick: "Sam spielt es noch einmal." Rutschky: Das zeigt Unsicherheit. Man veralbert alle Standpunkte, alle Dramaturgien, damit man ja nicht sagen muß: Das ist meins. Weil man es ja auch noch gar nicht weiß. Das ist was anderes als "Play it Again, Sam" von Woody Allen, was eine souveräne Geschichte über Casablanca ist, über Männer und Frauen. CORE dagegen ist ängstlich. Cool und ängstlich... Klick. " " Rutschky: Das ist nicht Parodie, sondern Pastiche. Man schreibt sich in einen anderen Sound ein, um überhaupt was schreiben zu können. Proust hat angefangen mit einem großen Roman, den er nicht abgeschlossen hat, dann hat er abscheuliche Prosastücke geschrieben, und dann hat er im Stil von Balzac und im Stil von Flaubert Pastiches geschrieben als Fingerübung. Softmoderne: Zusätzlich ist CORE natürlich eine Art Computerspiel ohne Ausweg, ein Spiel, das der Computer mit den Lesern spielt... Rutschky: Das ist die große Leidenschaft des jungen Menschen, Ausweglosigkeit und Bedrohlichkeit zu dramatisieren, ganz gleich, ob es um ein Medium geht oder das Leben an sich. Der junge Mensch hat doch große Freude an Rauschgiftsucht und Karriereabbrüchen und Scheitern undsoweiter. Und zwar in großem Stil und möglichst dramatisch scheitern! Trainspotting ist der ideale Film für den jungen Menschen: diese Kafka- oder Borges-Szene, wo der Protagonist ins Klo fällt wie in einen Abgrund. Im Buch oder im Bild verschwinden, das ist doch etwas Herrliches, das liebt der junge Mensch. Softmoderne: Das Sichverlieren in den weiten des Textmeeres wäre also für Sie eine expressionistische Metapher? "Lost in Hyperspace" ist schließlich eines meistbenutzten Bilder im Diskurs über das Internet. Aber die Hypertext-Theoretiker beziehen sich auf postmoderne Positionen, wie sie von Lacan, Derrida, Foucault formuliert wurden. De Mans Tod des Autors und Ecos Offenes Kunstwerk, Pynchons Parabeln und Borges Geschichten sind doch viel eher Schlüsseltexte für das Hypertext-Verständnis als Georg Heim und andere Expressionisten. Rutschky: Ich stieß ich bei meinen Forschungen vor zwanzig Jahren auf eine rätselhafte Frage: Ich hatte gar nicht den Eindruck, daß die jungen Leute, die damals an der Schule expressionistisch schrieben, jemals einen Expressionisten gelesen hätten. Diese Einflußwege sind sehr schwierig zu rekonstruieren. Vielleicht haben die das zufällig in der Zeitung gesehen und sich gesagt: "Das ist Lyrik!" Und was Borges und Derrida und das Gleiten des Signifikanten angeht: Theorie ist immer noch angesagt, Theorie ist das Leitmedium, nicht Literatur. Aber der junge Mensch hat eine sich durch ganz unterschiedliche Materialien hindurchziehende Leidenschaft für die Unbestimmbarkeit. Bei Brecht heißt es: "Wer immer es ist, der ich bin: Ihr sucht - Ich bin es nicht." Softmoderne: Und diese biographische Leidenschaft bedient der Dekonstruktivismus? Rutschky: Aber hervorragend. Der junge Mensch beginnt als Toter Autor. Das funktioniert bei Derrida nach dem Prinzip: Er ist der letzte Autor. Und als solcher bläst er sich zu einer narzißtischen Größe auf, dagegen ist Kafka ein ganz bescheidener, stiller und arbeitsamer Mann. Die Legende vom Toten Autor gefällt auch jedem, der anfängt zu schreiben. Wenn der Autor tot ist, kann jeder das Mäulchen aufmachen und sagen: Ich bin der Tote Autor! Softmoderne: Gut, aber im Falle von Hypertext ist es ja so, daß nicht nur der Autor sich mit dem Derridada identifiziert. Sondern das Medium selber, in dem diese Toten Autoren publizieren, gilt aufgrund seiner Dezentralität als das Offene Kunstwerk schlechthin. Ist das Internet also expressionistisch? Rutschky: Nein, aber juvenil - mal abgesehen davon, daß man auch wissenschaftliche Aufsätze verschicken kann. Aber der junge Mensch ist darauf angewiesen, etwas zu besetzen, was noch nicht besetzt ist, und dafür ist das Internet im Augenblick glänzend geeignet. Softmoderne: Aber neu ist doch bei der Hypertext-Literatur, daß sich eine Autorengeneration derartig stark mit dem Trägermedium ihrer Texte identifiziert. Goethe hätte doch nie im Leben daran gedacht, sich leidenschaftlich mit Federkiel, Tinte und Paper zu identifizieren... Rutschky Doch! Gerade im Sturm und Drang und in der Klassik haben sich die Schriftsteller sehr mit dem jungen Massenmedium Buch identifiziert. Das war sogar genau die Zeit, in der sich der Schriftsteller in unserem Sinne herausbildete; also der Literat, der sich als namhafter Autor an ein anonymes Publikum wendet, statt für den Herzog Auftragsarbeiten zu schreiben. Was ich aber viel interessanter finde, sind Vergleiche damit, wie die Fotografie zur Fotografie wurde, wie das Kino zum Kino oder wie das Fernsehen zum Fernsehen wurde. Beim Internet muß sich das erst noch zeigen. Wir haben im Internet weder eine Ingrid Bergmann noch einen Humphrey Bogart noch einen Michael Curtis. Wir haben niemanden, der aus der Technologie ein Medium macht. Das ist eine Leerstelle. Und in die drängt der junge Mensch. Softmoderne: Wenn es sich nicht nur um eine Leerstelle, sondern auch um eine Lehrstelle handelt, und eine Bergmann oder ein Joyce diese Lehre absolviert, wird es dann auch irgendwann einen etablierten Kanon der digitalen Weltliteratur geben? Rutschky: Keine Ahnung. Ich stelle mir das so vor, daß alle, die im Internet Literatur publizieren - weil publizieren das Primäre ist, und nicht Schreiben - daß all diese Internetliteraten nichts sehnlicher wollen, als reinzukommen in die legitime Kultur. Zu Suhrkamp. Und zwar Hardcover! |
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